Ein Statement der Zeitgeist Bewegung zu „Occupy Wall Street“

Am 17. September 2011 hat sich eine Graswurzel-Protestbewegung im Herzen des Weltfinanzzentrums in New York in der Wall Street formiert. Bis zum 26. September gab es über 80 Festnahmen und viele bezeugte Fälle von anscheinender Gewaltanwendung und Machtmissbrauch seitens der Polizei und der Sicherheitskräfte. Die Demonstranten bleiben dennoch wachsam und standhaft in dieser Protestäußerung, die möglicherweise ein Schlüsselereignis sein könnte, das weite Kreise ziehen wird.

Die Zeitgeist Bewegung bringt hiermit offiziell ihre Unterstützung dieser Protestäußerung zum Ausdruck.

Die erwachende Welt sieht jetzt den Zusammenbruch des Finanzsystems und die wachsenden zivilen Unruhen. Ohne Verzerrung durch Herrschaft, Religion oder politische Bindung entsteht langsam eine neue, vereinigende Perspektive, die alles überwindet, das viele von uns bisher für naturgegeben hielten.

Langsam aber stetig brechen weltweit immer mehr Arbeitsplätze weg, weil menschliche Arbeitskraft aus Gründen der Kosteneffizienz durch maschinelle Automation ersetzt wird. Das wiederum schwächt die Kaufkraft wodurch das „Wirtschaftswachstum” gebremst wird. Die Schuldenkrise – entstanden durch das auf Mindestreserve basierende Kreditsystem – weitet sich immer mehr aus; kein Wunder, da ja Geld aus Schuld erzeugt wird und als Ware gegen Zinsen verkauft wird – Zinsen, die wieder nur bezahlt werden können, wenn weitere Kredite aufgenommen werden. Alle Großmächte investieren mehr in Militärprogramme, und es droht ein globaler Konflikt von unbekannten Ausmaßen angesichts der doppelten Bedrohung durch die Finanzkrise und die Versorgungskrise aufgrund der bevorstehenden Erschöpfung der fossilen Energieträger. Das  arktpsychologische Dogma von unbegrenztem Wachstum und unbegrenztem Konsum durchdringt und verzerrt unser Wertesystem und steht zwischen uns und einem Leben in Harmonie mit der Natur auf einem endlichen Planeten mit begrenzten Ressourcen.

Angesichts all dieser Entwicklungen wäre es an der Zeit zu erkennen, dass sie sozialen Probleme nicht irgendeiner bestimmten Politik, Regierung oder der „Gier der Unternehmen” geschuldet ist. Das eigentliche Problem ist ein systemisches, das in unseren Grundvorstellungen von unserem Wirtschaftssystem und der dahinter liegenden Psychologie, die gefördert und belohnt wird, begründet liegt.

Bis heute existiert die historische Illusion, dass jemand oder eine bestimmte Gruppe „schuld” sei. Statt zu beklagen, dass in Amerika 400 Menschen reicher sind als 150 Millionen oder dass 1% der Weltbevölkerung reicher ist als 40%, fragen wir uns doch lieber statt dessen wie so etwas überhaupt zustande kommen kann und, noch kritischer, warum wir etwas anderes erwarten sollten? Denk darüber nach.

Der „Freie Markt” ist schuld, nicht? Im Gegensatz zu den statistisch unhaltbaren Annahmen über die Effizienz, welche die meisten Marktökonomen treffen, bedeutet Freier Markt einfach nur, dass jeder tun kann was immer er will und seinen Gewinn maximieren kann wie immer er will, solange er innerhalb der gesetzlichen Vorschriften handelt. Die Gesetzgebung, lass Dich nicht täuschen, steht allerdings auch auf dem Freien Markt zum Verkauf, genauso wie die Politiker, Kontrollinstitutionen und jegliche andere soziale Einrichtung, an die du denkst.

Außer der Maximierung des monetären Gewinns ist nichts heilig, und wenn eine Person oder Gruppe die schädlichen gesellschaftlichen oder ökologischen Konsequenzen dieses Systems aufzeigt, werden sie als „Sozialisten” oder „Kommunisten” abgestempelt um sie zu diskreditieren und um andere abzuschrecken.

Während die Protestierenden heute weltweit weiterhin den Einfluss von Geld auf soziale Handlungsweisen wie z.B. die legale Realität des Firmen Lobbying kritisieren, indem sie klingende Begriffe wie „Korporatismus”, „Nepotismus” (auf gut deutsch „Vetternwirtschaft”) oder sogar „Faschismus” verwenden, scheinen sie trotzdem nicht zu verstehen, was dieses System ist und was es immer war.

Das Modell der Freien Marktwirtschaft ist eine willkürliche, unwissenschaftliche Anarchie, die annimmt, dass jede Person oder Gruppe mit genug Geld und daher Macht gesellschaftlich und ökologisch „verantwortungsvoll” handeln würde. Das Problem ist, dass die Definition von „finanzieller Verantwortung” gerade im Gegenteil bedeutet gesellschaftlich und ökologisch ausbeutend, manipulativ und verantwortungslos zu handeln, weil die größte Triebkraft in diesem System die Ineffizienz ist. Je mehr Probleme es generell in unserer Gesellschaft gibt, desto mehr Jobs braucht es und umso reicher wird das oberste 1%. Hier hat eine Entkopplung von dem stattgefunden, was eigentlich das Leben fördert, und wenn wir nicht an die Grundkonfiguration des monetären Anreizsystems rühren, wird sich wahrscheinlich nichts ändern.

Auf einer anderen Ebene basiert dieses System als Folge einer historischen Evolution auf dem Vorwand einer kulturellen Hegemonie. Wenn ein ökonomischer Vorteil erzielt wurde, wird er wahrscheinlich beibehalten. Deshalb begünstigt dieses System durch seine generelle Struktur und inhärente Logik auf allen Ebenen die Wohlhabenden. Während sich die Öffentlichkeit über die Tatsache beschwert, dass top Hedgefondsmanager über 300 Millionen Dollar pro Jahr verdienen, stoßen sie sich oft nicht daran, dass das Zinssystem jene mit hohen Einlagen belohnt und die mit Krediten bestraft. Während du ein Haus auf Kredit kaufst und tausende Dollar an Zinsen pro Jahr zahlst, kann eine reiche Person eine Geldmarktanlage tätigen und daraus ein freies Zinseinkommen beziehen, einfach weil sie das Geld dafür hat.

Klassentrennung und die Einzementierung der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich sind kein Nebeneffekt. Sie sind unvermeidlich. Auf dem Freien Markt ist man „frei” die Freiheit anderer wegzunehmen, einfach durch die ökonomischen Zwänge, die dieses Spiel erzeugt. Du bist so frei wie deine Brieftasche groß ist. Der Begriff „institutioneller Rassismus” wurde vom Zivilrechtsaktivist Stokely Carmichael in den 1960ern geprägt. Er meinte damit, dass oft unbemerkt grundlegende Verfahrensweisen und Strukturen im Sozialsystem das Wohlergehen und die Gleichheit von Afro-Amerikanern unterminierte. Wir haben heute eine weitere Variante davon: „institutionellen Klassismus”.

Wall Street selbst, die ultimative Manifestation des Strebens nach Geld als Ware losgelöst von jeglichem produktiven oder sozial sinnvollen Handeln, ist natürlich ein passendes Ziel für symbolische Ablehnung. Wall Street sollte gar nicht existieren und noch viel weniger einen solchen gravierenden Einfluss auf die Stabilität der Weltwirtschaft haben, ungeachtet der erwähnten inhärenten Defizite.

Es muss allerdings noch einmal klargestellt werden, dass Wall Street und das Bankensystem nicht die Quelle unserer Probleme sind. Sie sind nur Symptome eines Wirtschaftssystems, das weiterhin scheitern wird aufgrund der überholten und falschen Annahmen über menschliches Verhalten und die Beziehungen zur Umwelt.

Übersetzt vom Zeitgeist Movement Chapter Österreich.

Kommentar verfassen